14. Österreich-Tag - Behinderung und Migration
16. September 2010, Wiener Rathaus
Migranten mit Behinderung, gestern und heute
Dr. Turgay Taskiran, Präsident der UETD, Arzt f. Allgemeinmedizin
Als die erste große Migrationswelle in den 60er Jahren begann, war Behinderung kein Thema, weil Migration nur nach einer Gesundheitsuntersuchung möglich war, oder nur junge gesunde Personen nach Österreich migriert sind. In dieser Gruppe der MigrantInnen, die hauptsächlich aus Exjugoslawien oder der Türkei stammten, entwickelte sich das Problem der angeborenen oder erworbenen Behinderung erst mit der Zeit.
Die zweite große Migrationswelle begann 1989 mit dem Wegfall des „Eisernen Vorhangs“, wobei hauptsächlich Menschen aus den östlichen Nachbarländern nach Österreich migriert sind. Bei dieser Gruppe der MigrantInnen ist Behinderung noch kein allzu großes Thema, weil diese Migrantenpopulation noch relativ jung ist und auch im Vergleich zu anderen MigrantInnen die geringsten Probleme hatten. Aber das Problem der Behinderung wird sich noch entwickeln.
Die dritte Migrationswelle in den 90er Jahren waren die Flüchtlingsströme aus Bosnien, Tschetschenien und Afrika. Bei dieser Migrantengruppe war Behinderung ein wichtiges Thema, weil diese Menschen aus Kriegsgebieten stammten und durch direkte und indirekte Folgen des Krieges mit verschiedenen Arten von Behinderung betroffen waren.
Es gibt keine konkreten Zahlen, wie viele MigrantInnen mit Behinderung in Österreich leben, aber es wird mit 10% der hier lebenden Migrantenpopulation geschätzt. Es ist auch erwiesen, dass Behinderung bei MigrantInnen prozentuell höher vorkommt als bei der einheimischen Bevölkerung.
Dafür gibt es verschiedene Gründe:
- schwere körperliche Arbeit
- schlechter sozialer Status
- chronische Krankheiten
- Unfälle
- Stress
- Verwandtenehen
- Psychosomatische Erkrankungen
- Kriegsfolgen
Was ist der Ist-Zustand?
Wir haben in Österreich ein sehr gutes soziales Netz, von dem alle profitieren. Natürlich gibt es Barrieren für MigrantInnen mit Behinderung, wie Sprache und Kultur. Das Hauptproblem ist eigentlich die medizinische Betreuung von MigrantInnen mit Behinderung. Ich kann hier hauptsächlich von MigrantInnen aus der Türkei sprechen. Es gibt nur 3 türkischsprachige praktische Ärzte mit Kassenvertrag in Wien. Es gibt keine niedergelassenen türkischsprachigen Neurologen oder Psychiater in Wien. Es gibt keinen türkischsprachigen Logopäden. Also ist es für MigrantInnen mit geringen Deutschkenntnissen ein Problem, sich medizinisch zu versorgen. Das Angebot in verschiedenen Sprachen wird immer besser, aber es ist noch immer nicht ausreichend.
Es muss mehr Informationsmaterial für Menschen mit Behinderung in ihrer jeweiligen Muttersprache geben.
Wie sollte die Zukunft ausschauen?
Obwohl der Anteil an MigrantInnen in Gesundheitsberufen sehr hoch ist, sehen wir relativ wenig türkischsprechendes Gesundheitspersonal. Daher sollte man Gesundheitsberufe für Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund besonders attraktiv bewerben und anbieten.
Das wichtigste Gut, das wir haben ist unsere Gesundheit und diese sollten wir bestmöglich präventiv schützen, denn wenn wir sie einmal verloren haben, dann ist es zu spät.