14. Österreich-Tag - Behinderung und Migration
16. September 2010, Wiener Rathaus
Barrieren und Chancen der Partizipation von Eltern behinderter Kinder in der Schulgemeinschaft
Andreas Ehlers, Vorsitzender der Elternvereine öffentlicher Pflichtschulen
Herzlichen Dank, dass ich an Ihrer Veranstaltung teilnehmen darf. Mein besonderer Dank gilt an die Veranstalter, die mir die Gelegenheit geben, an dieser Veranstaltung teilzuhaben und einige Gedanken über die Barrieren und Chancen der Partizipation von Eltern behinderter Kinder in der Schulgemeinschaft (und darüber hinaus) einzubringen.
Österreichs Eltern haben weltweit die meisten gesetzlich festgelegten Möglichkeiten, als Einzelpersonen und/oder als von den Eltern Ihre Klasse gewählte KlassenelternvertreterInnen bzw. Mitglieder und FunktionärInnen des Elternvereins an der Schulgemeinschaft der Schule ihrer Kinder teilzuhaben.
Als Funktionär des Landesverbandes Wien der Elternvereine an den öffentlichen Pflichtschulen sind meine Ansprechpersonen, wie für alle Mitglieder unseres Vorstands, in erster Linie die KlassenelternvertreterInnen sowie die FunktionärInnen der Elternvereine. Über diese InteressenvertreterInnen – die „Betriebsräte der Eltern“ - finden wir Zugang zu einzelnen Eltern und Erziehungsberechtigten sowie zu deren Sorgen und offenen Fragen.
Beratung zwischen Lehrern und Erziehungsberechtigten
Der § 62 des Schulunterrichtsgesetzes verpflichtet LehrerInnen wie Eltern zur möglichst engen Zusammenarbeit in allen Fragen der Erziehung und des Unterrichtes der SchülerInnen. Dieser Anspruch beinhaltet sowohl Einzelgespräch als auch Beratungen zwischen Eltern und LehrerInnen in Form von Elternabenden oder auch eines Klassenforums.
Allgemeine Barrieren
Wenn zwei Menschen miteinander reden wollen, werden Sie dafür einen gemeinsamen Termin finden müssen. Was bei unterschiedlichen Tagesabläufen nicht immer leicht ist.
Der berufliche Alltag und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sowie der berechtigte Anspruch auf persönliche Freizeit machen es nicht leicht, sich mit einer einigermaßen hochwertigen Verbindlichkeit nachhaltig in die Schulgemeinschaft einzubringen oder gar ehrenamtlich, in der Klassengemeinschaft bzw. im Elternverein, zu betätigen.
Besondere Barrieren
Eltern behinderter Kinder müssen-je nach Art des Ausmaßes der Behinderung-den überwiegenden Teil ihrer Energie in die Organisation des Alltags und in die Betreuung bzw. Pflege ihres Kindes investieren und müssen sich daher – weit mehr als Eltern im Allgemeinen – auch die kleinste Zeitspanne für Beteiligungsarbeit von dem oft winzigen Rest an persönlicher Freizeit abzwacken.
Dazu kommt, dass schwerst- und mehrfachbehinderte Kinder selten in der Einzelintegration beschult werden, sondern in Schulen, die die überwiegende Mehrheit der SchülerInnen nur mit dem Fahrtendienst erreichen können und zu denen auch Erziehungsberechtigte längere Anfahrtszeiten in Kauf nehmen müssen, um an Elternabenden, Klassenforen, Schulforen oder Veranstaltungen des Elternvereins teilnehmen zu können.
Ich bewundere jene Mütter und Väter, die es trotzdem schaffen und weiß, welche Energielücken diese engagierte Anteilnahme in den Tagesablauf und den Lebensrhythmus reißen können.
Sprachliche Barrieren haben viele Ursachen
Verständnisschwierigkeiten haben nicht immer etwas mit Defiziten in der Unterrichtssprache zu tun, sondern oft auch mit der subtilen Codierung schulischer Fachbegriffe und der Tatsache, dass Gesetze und gesetzesergänzende Verordnungen und Erlässe einerseits nur bedingt Handlungsspielraum geben, aber andererseits nicht in allen Details bekannt sind, was zu Irritationen und Konflikten führen kann und gelegentlich auch führt.
Meine persönlichen Erfahrungen zeigen, dass aufklärende Gespräche, die sich in erster Linie auf offene Fragen der Eltern beziehen, den Zugang und vor allem das Miteinander erleichtern. Ich habe in all den Gesprächen viel Interesse, aber auch jede Menge Ängste und Sorgen erlebt.
Allein der Begriff „Sonderpädagogischer Förderbedarf“ wirft viele Fragen auf, weil jedes Kind anders ist und weil mit Eltern nicht immer erarbeitet wird oder manchmal auch nicht zufriedenstellend erarbeitet werden kann, warum ein bestimmtes Vorgehen optimale Ergebnisse bringen könnte.
Die Schambarriere
An vielen Schulen mit Integrationsklassen habe ich erlebt, dass sich Eltern von IntegrationsschülerInnen engagiert in die Schulgemeinschaft und den Elternverein einbringen. Auf Befragen geben die meisten an, dass sie damit der Gemeinschaft dafür danken wollen, dass ihr Kind aufgenommen und gut betreut wird.
Insgesamt höre ich als Vorsitzender des Landesverbandes wenig von den Elternvereinen der Sonderschulen und ohne persönliche Nachfrage würde ich wenig bis gar nichts über die vielfältigen Herausforderungen wissen, mit denen Eltern behinderter Kinder konfrontiert sind. Nur ein Teil schafft es einigermaßen offen, über ihr/sein Leben mit der/dem Behinderten zu sprechen.
Formelle Vorgaben müssen nicht zwingen einengen
Auch wenn Gesetze und Dienstrecht die Möglichkeiten zur Kooperation zwischen Eltern und LehrerInnen nicht immer zu begünstigen scheinen, gibt es viele Möglichkeiten, die Beteiligungschancen mit etwas gutem Willen zu erhöhen. Nicht jede Frage eines Elternteils stellt die Kompetenz einer Lehrperson in Frage. Zurückweisung kann dies aber allemal bewerkstelligen.
Elternbeteiligung kann Schulentwicklung fördern
Auch wenn Schule nicht alles leisten kann, was an individuellen Elternwünschen herangetragen wird, so ist Elternbeteiligung bei Projekten zur Schulentwicklung an allen Standorten hilfreich. Für Schulgemeinschaften an Sonderschulen und Schulen, die Einzelintegration anbieten, können durch Elternbeteiligung auch die ganz dünnen Striche der Mikrometerschraube erkannt und die Entwicklung genauer justiert werden.
Keine Frage offen lassen
Eltern wollen, dass ihre Kinder die bestmöglichste Ausbildung erhalten und optimal auf das Leben nach der Schule vorbereitet werden. Für Eltern behinderter Kinder stellen sich nicht nur Fragen nach den Lernerfolgen, sondern auch nach den Entwicklungschancen während der Schulzeit und im späteren Leben. Auch wenn LehrerInnen und Schulpersonal nicht in allen Fällen nachhaltig gültige Prognosen abgeben können, sollte doch auf alle Fragen eingegangen werden.
Schulen sind keine Kindergarderoben
Bildung und Erziehung der Kinder sind gemeinsame Aufgaben von Erziehungsberechtigten und PädagogInnen, die aus meiner Sicht zur ungeteilten Hand im Rahmen eines permanenten Dialogs wahrzunehmen sind.
Schulen können zur „Kindergarderobe“ missraten, wenn die Zusammenarbeit nicht klappt.
Miteinander reden – gemeinsam handeln
Die Teilhabe der Eltern wird zunehmen und das Schulleben bereichern, wenn es gelingt, eine Dialogkultur zu entwickeln, die auf Barrieren Rücksicht nimmt und möglichst viele Chancen begünstigt. Mit einander reden, von einander lernen und gemeinsam handeln wird zur Erfolgsformel, wenn sich Schulleitung und LehrerInnen darauf einlassen, immer wieder Einladungen an Eltern und ElternvertreterInnen auszusprechen und sie nicht nur über das Geschehen in der Schule informieren, sondern sie als Betroffene daran beteiligen.
Kontakt:
Andreas Ehlers, Vorsitzender
Landesverband Wien der Elternvereine an den öffentlichen Pflichtschulen
Büro: 1010 Wien, Rauhensteingasse 5/4. Stock, TOP 45
ZVR-Zahl: 648421392
persönliche E-Mail: andreas.ehlers@blizz.at
persönliche Mobilnummer: +43 (0) 664 505 30 18